Dienstag, 8. Januar 2008
Tippen mit Handschuhen
Mexico City sei einer der besten Orte zum wohnen, sagte man mir einst. Nie sei es hier drückend heiss und nie werde es wirklich kalt.
So konnte ich den Winter also getrost kommen lassen. Endlich ein Winter ohne rote Nase, ohne gefrorene Füsse und ohne steife Finger!
Anfangs Oktober nahmen die Supermärkte eine grosse Auswahl von Elektroheizern in ihr Sortiment auf, worüber ich nur lachen konnte. Auch boten immer mehr Strassenhändler Schals und Handschuhe an. So ein bisschen Temperatursenkung konnte eine frostgewohnte Schweizerin natürlich nicht umhauen. Ich lief weiterhin in meinem dünnen Jäckchen und Sommerschuhen umher.
Bis auf jenen Morgen. Jenen Tag, der mich bezüglich mexikanischem Klima neu belehren sollte. Der mich tief beschämen sollte, bedenke man, dass ich mich über die Kältevorkehrungen der Mexikaner lustig gemacht hatte. Der Morgen, als das Thermometer über Nacht um 15 Grad gesunken war.
Erst sollte ich gar nicht realisieren, was geschehen war. Draussen wehte ein etwas kühlerer Wind, na und? Erst als ich ins Büro trat, vermisste ich etwas. Ich erwartete diesen Schwall von warmer Luft, der einem umhüllt, sobald man im Winter ein Gebäude betritt und der einem dazu veranlasst, sofort den warmen Mantel auszuziehen. Ich wartete, doch nichts dergleichen geschah. Erst jetzt realisierte ich, dass wir über keinerlei Heizkörper verfügten und durch die zahlreichen Öffnungen und Ritzen unserer Bürowände strömte eiskalte Luft herein.
Der Situation gemäss hatten meine Kollegen ihre Jacken gar nicht erst ausgezogen. Sie trugen Handschuhe, welche die Fingerspitzen freiliessen, damit sie die Tastatur bedienen konnten. Regelmässig hauchten sie die Finger an, damit diese nicht einfroren. Die Hysterie ihrer schweizer Importkollegin, welche wegen ein paar Grad weniger ganz aus dem Häuschen war, konnten sie nicht verstehen. War es in der Schweiz nicht noch viel kälter als hier? Stattdessen wunderten sie sich ob meiner leichten Garderobe. War es doch selbstverständlich, dass man im Winter mindestens zwei Pullover plus Jacke anzog, damit man im Haus nicht friere.
Das Phänomen zeigte sich nicht nur bei mir im Büro. Überall beobachtete ich, wie die Leute drinnen wie draussen gleich angezogen waren. Der Supermarktkassierer trug Mütze und Schal, der Bäcker hatte Handschuhe an und die Ticketverkäuferin der U-Bahn war derart vermummt, dass man kaum ihr Gesicht sehen konnte.
Ich hatte ausgelacht. Stattdessen wurde umso mehr über mich gelacht, als ich panikartig die getürmten Elektroheizer im Supermarkt ansteuerte und tüchtig zugriff. Als ich meinen Büroplatz in eine wohlig warme Oase verwandelte, konnten die anderen nur den Kopf schütteln. Wer hätte gedacht, dass die chica aus dem Heidiland wegen dem bisschen Kälte solch ein Drama veranstaltet?
Vielleicht waren wir Schweizer einfach zu wenig abgehärtet. Oder vielleicht hat folgende Eigenschaft, die man den Latinos nachsagt, damit zu tun:
In Mexikos Adern fliesst heisses Blut,
den Schweizern das nicht schaden tut.
Jetzt schon?
Im Januar steht sie vor der Tür: Die langerwartete Hochzeit unserer Kollegin Hortensia. Die Vorbereitungen sind in vollem Gange, die Einladungen schon vor Monaten verschickt, die Braut bereit für die letzte Anprobe. Von wegen. Hier unten geht man die Sachen etwas lockerer an. Das Ereignis ist schliesslich noch Wochen entfernt, auch wenn es nur wenige sind, da bleibt immer noch Zeit, um alles zu arrangieren. Die einzige nervöse Person scheine allein ich zu sein. Ständig will ich von Hortensia wissen, ob sie das Brautkleid bereits hat, welche Frisur sie tragen wird und ob das Menu bereits feststeht. Aufgeregt blättere ich in der Agenda und berechne, wie viel Zeit mir noch bleibt, um meine eigenen Vorbereitungen zu treffen. Die Braut selber ist da um einiges weniger in Eile. Nach einem Kleid hat sie noch nicht gesucht, der Friseur ist noch nicht gebucht und das Ziel der Hochzeitsreise ist noch unbekannt.
Auch die anderen Kollegen scheinen meine Nervosität nicht zu teilen. „Stell Dir vor“, sagten sie neulich zu Hortensia, „Deine Hochzeit ist im Januar und Flurina will JETZT SCHON nach einem Kleid suchen!“ Meine Voraussicht sorgt allgemein für Gelächter, während mich umgekehrt die ruhige Haltung der anderen umso mehr in Panik stürzt.
Obwohl ich mich bemühe, mich ebenso spontan wie die Mexikaner zu geben, muss ich mich dennoch regelmässig als pingeliger Vorausplaner outen, womit ich jedes Mal auf allgemeines Unverständnis stosse.
Das von unserer Organisation veranstaltete Menschenrechtsforum war eine wahre Bewährungsprobe für mich. 24 Stunden vor dem Ereignis war der Saal noch kaum eingerichtet. Zu tun gab es nichts, es fehlte das richtige Material, die entsprechende Person oder sonst etwas. Mir war gar nicht wohl und ich suchte verzweifelt nach einer Beschäftigung, damit ich wenigstens das Gefühl hatte, die Vorbereitungen voranzutreiben.
Eine halbe Stunde vor Türöffnung fehlten Beleuchtung, Wegweiser und Beschriftung. Alle gingen ruhig ihrer Aufgabe nach, nur ich sauste von einem Raum in den anderen und stand kurz vor der Hyperventilation. Immerhin hatte ich es soweit geschafft, dass man mir das nicht mehr anmerkte. Als die ersten Gäste kamen, war gerade mal die Bar einsatzbereit. Aber mehr erwarteten diese wohl auch nicht.
Diese Art von Spontanorganisation macht auch von obersten Rängen nicht halt.
„Los, gehen wir“, forderte mich unser Chef Héctor auf, indem er sich bereits die Jacke überzog und mit einem Fuss im Treppenhaus stand. Kurz zuvor hatte er mich während des Mittagessens nebenbei gefragt, ob ich ihn zur Universität begleitete, wobei ich überhört hatte, dass unser Ausflug noch am selben Tag stattfinden sollte.
Dank meinem eisernen Spontanitätstraining bin ich jedoch inzwischen durch solche Aktionen nicht mehr aus der Ruhe zu bringen. Trotzdem, den mexikanischen Gelassenheitslevel habe ich noch nicht erreicht: Für die Hochzeit besitze ich bereits die gesamte Ausstattung und bin damit Gästen und Brautpaar um Wochen voraus.
Montag, 26. November 2007
Tabasco im Sumpf



Aufgrund der Unfähigkeit der Regierung sind die Überschwemmungsgebiete, in denen über 1 Mio Personen betroffen sind, auf Hilfe angewiesen. Falls jemand ein schlechtes Gewissen hat, weil er um Weihnachten nur kommerzielle spenden macht, hier ein netter Link.
Dienstag, 20. November 2007
Gringophobie
Text für Sihltaler vom 17.11.07
Ich merkte es an meinem ersten Arbeitstag in Mexico: das adjektiv “amerikanisch” wird in Mexico nicht gebraucht. Stattdessen wurde es irgendwann durch den Ausdruck gringo, ersetzt, welcher seither als ebenbürtiges Synonym verwendet wird, ausser in dem einzigen Fall, wenn man direkt mit einem Amerikaner spricht.
Wenn etwas gringo ist, dann immer im negativen Sinn. Noch nie sagte man mir: “Flurina, das ist aber sehr gringo,” um mich damit zu loben.
Nein, Mexikaner mögen ihre nördlichen Nachbarn nicht sonderlich und trotzdem zwingt sie die Armut, ausgerechnet dieses Land in Massen anzusteuern. Dies ist nicht die einzige Ironie in der Beziehung der beiden Länder. Ist Mexiko doch wirtschaftlich extrem von den “Gringos” abhängig und muss sich bemühen, eine gute Beziehung mit dem unbeliebten Nachbarn zu pflegen. Nicht nur bezüglich der Handelsbeziehungen sind die USA wichtigster Partner. Längst sind die Geldsendungen von den in den Staaten arbeitenden Mexikanern an ihre Familien zum zweitwichtigsten Einkommenszweig des Landes geworden.
Wer nun denkt, dies hätte ja keinen Einfluss auf eine eingewanderte Europäerin hat weit gefehlt.
So merken wir gar nicht, wie sehr die amerikanische Kultur sich tief in unseren Alltag eingeschlichen hat: “Shit!” entfiel es mir unbeabsichtigt als ich einst beim Essen kleckerte. “Was hast du eben gesagt?” kriegte ich unmittelbar zu hören. Ich zuckte zusammen, als hätte man mich gerade dabei ertappt, wie ich auf das Bild der heiligen Guadalupe spuckte. “Bitte vergebt mir”, stotterte ich noch mit vollem Mund, “ich werde den Gringoausruck nie mehr verwenden!” Jedes einzelne Wort englischen Ursprungs musste ich in der Folge aus meinem Vokabular streichen! Doch man kann dies nicht einfach ersatzlos tun, sondern muss für jeden eliminierten Ausdruck einen neuen, nichtenglischen, finden. Ersatz musste ich mir nicht nur für meine Gringoschimpfwörter aus der Nase ziehen, sondern auch für Gringoerstaunenswörter, Gringobestätigungswörter, Gringoeuphoriewörter, ganz zu schweigen von all den Gringoabkürzungen, die wir ständig gebrauchen.
Doch nicht nur meinen Alltagswortschatz musste ich komplett umwälzen – so gilt jegliche Annäherung an die angelsächsische Lebensweise bereits als Verrat an meinem mexikanischen Umfeld. Gestrichen also meine gemütlichen Stunden im Ami-Café Starbucks, nur ausnahmsweises Einkaufen in der amerikanischen Supermarktkette und Frauenzeitschriften in englischer Sprache, kaufe ich nur heimlich und verstecke sie unter dem Bett, als seien es verbotene Pornomagazine.
Die Fronten sind klar: Mit keiner auch noch so netten Geste von Seiten des Gringolandes wird man es schaffen, die Mexikaner gegenüber den Amerikanern gütig zu stimmen. Und so bemerke ich an mir, dass die mexikanische Haltung sich bereits unweigerlich auch in meine Denkweise einschleicht.
Und doch scheint es Hoffnung zu geben am mexikanisch-amerikanischen Horizont: Zeigte doch einer meiner Kollegen neulich Interesse an den Zusammenkünften meines Ausländerclubs. Solange sie gut aussehe, würde er sich ausnahmsweise auch mit einer Gringa unterhalten.
Donnerstag, 8. November 2007
Telefonkultur
Victor: Wie? dann sagst du einfach "Victor" oder "Flurina" oder so?
Flurina: Genau! oder deinen Nachnahmen!
Cheque: Das ist doch völlig unnötig! Die Leute wissen doch, dass du dran sein wirst, wenn sie dich anrufen!
Victor: Und wie meldest du dich, wenn du nicht zu Hause bist, sondern im Büro?
Flurina: Dann sagst du "INICIA Victor" oder "INICIA Mendoza" oder "INICIA Victor Mendoza"
Victor: Ach waaaaas! Was sagst du denn, wenn du das Telefon bei jemand anderem zu Hause abnimmst?
Flurina: Dann sage ich "Dünki bei Mendoza"
Victor: Wirklich? Das ist ja so lächerlich, das kann ich gar nicht glauben!
Flurina: Lustig wird es, wenn du zB bei deinen Eltern das Telefon abnimmst. Dann sagst du "Mendoza bei Mendoza".
Victor: Also den Bären bindest du mir nicht auf! das glaube ich dir nie und nimmer!
Flurina: Es ist so, glaube mir!
Victor: Die dort drüben sind einfach zu reich! Wie sonst könnte ihnen so etwas einfallen?
Freitag, 2. November 2007
Miau


Es gaht en chüele Wind...

