Mittwoch, 3. September 2008

Sihltaler Texte





Reisegeschichte

Man würde ja meinen, man lasse die Gefahr hinter sich, wenn man vom Flughafen Mexico City abhebt. Die ganze Verschmutzung, die Kriminalität, all die unbeleuchteten Trottoirs: ich war mir sicher, ich würde mit dem Flug Richtung Heimat sicheres Territorium anstreben.
Tatsächlich aber fand ich mich nur wenige Stunden später eingesperrt in einem Zimmer. Um mich herum sassen Leute aller Herkunft und fürchteten genauso wie ich das Schlimmste. Und ebenso wie ich brüteten sie wahrscheinlich über der selben Frage: warum in aller Welt musste ich via USA fliegen?
Nun würde ich zwar auf meinem Weiterflug in die Schweiz zwischen 15 Filmkanälen auswählen können, aber würde ich diesen Flug überhaupt erreichen? Die zwei Beamten, die für die nähere Untersuchung von uns eingesperrten zuständig waren, guckten immer wieder mit eisernem Blick hinter ihren Bildschirmen hervor, um in unserer Gruppe wohl ein verdächtig verhaltendes Individuum auszumachen.
Fast wäre ich der Prozedur entgangen. Schon wurde ich durchgewinkt, da rannte mir die Zöllnerin nach und pfiff mich zurück mit der schwammigen Begründung, dass etwas mit meinem Fingerabdruck nicht stimmte. Es stellte sich heraus, dass mein Fingerabdruck gegenüber dem letzten USA Besuch eine veränderte Strucktur aufzeigte, weil ich tags zuvor einen Haufen Geschirr gewaschen hatte. Als ich endlich entlassen wurde, konnte ich nur durch eine sportliche Höchstleistung verhindern, dass mir der Anschlussflug entwischte.
Eine Entschädigung für mein Erlittenes fand ich beim Auspacken in meinem Koffer in Form von Gegenständen aus dem Gepäck eines Mexikaners, dessen Koffer wohl während der Inspektion neben meinem gelegen hatte. Oder war dies die Entschädigung dafür, dass auch aus meinem Koffer das Nécessaire verschwunden war und nun von einem Mexikaner in seinem Koffer vorgefunden wurde? Ein trauriger Verlust. Zumal die gebräunten Mexikaner ja mit meiner hellbeigen Foundation gar nichts anfangen können.
Umso besser sollte ich mich für die Rückreise vorbereiten. Doch schon die schweizer Angestellten der Airline am Check-in Schalter konfrontierten mich mit der ersten Überraschung. Sie wohnen wohl in Mexico, was? Fragte man mich äusserst kritisch. Weshalb ist dann hier kein Visum in ihrem Pass? Durch meine Antwort zwar nicht befriedigt, liess man mich immerhin ausfliegen.
Natürlich hatte ich schon Tage vor dem Abflug genauestens aufgepasst, dass meine Hände am Tag vor Abflug mit keinem Tropfen Wasser in Berührung kamen. Dummerweise stellte sich dies als genau die falsche Methode heraus, da die Amerikaner inzwischen meinen verschrumpelten Abdruck im PC hatten und mich abermals in ihre Folterkammer schickten.
Ich war gottenfroh als ich Stunden später endlich wieder auf mexikanischem Boden landete. Von allen Zöllnern meiner Reise war die dortige Beamtin scheinbar am frohsten, mich zu empfangen.











Wisch-Mädchen

Den meisten Schweizer Reisenden fällt in Lateinamerika als erstes die prekäre Müllsituation auf. Pet-Flaschen liegen am Strassenrand, Scherben pflastern die Trottoirs und Plasticksäckchen werden vom Wind bis in die Baumwipfel geblasen.
Man könnte meinen, dass Latinos eine höhere Reizgrenze für Schmutz haben, die Situation weniger tragisch sehen als wir oder vielleicht sogar Schmutz- und Müllresistent sind.
Tatsächlich habe ich die Mexikaner als höchst reinliche, ja putzfanatische Zeitgenossen kennen gelernt. Sie tragen stets frische Kleidung, waschen einmal pro Woche ihr Auto und wischen mehrmals täglich ihren Vorplatz. Eigentlich ist Wischen ein regelrechtes Hobby der Mexikaner. Anlass dafür ist in der Stadt ja nicht rar: Der Wind wirbelt Staub auf und dürre Blätter auf den Gehweg, derRegen schwemmt Dreck an und viele unachtsame Passanten werfen einem den Müll vor die Haustüre.
Zur Verteidigung eben Genannter muss ich anfügen, dass selbst in der Stadt ein öffentlicher Mülleimer schwieriger zu finden ist als ein geflügeltes Pferd. Die Abfallpolitik der Stadt steht im strengen Gegensatz zum Sauberkeitsbewusstsein ihrer Einwohner. Hätte die Stadt dieselbe Putzdisziplin wie ihre Bewohner, würde sie vor Reinheit geradezu blitzen.
Stadt dessen transportieren die Müllautos den Dreck nur bis kurz vor die Stadt, wo er als stinkender Berg dahinmodert. Aus eigenem Augenschein weiss ich das zwar nicht, denn in diese „Abfallzone“ wird niemand hereingelassen, der nicht dort wohnhaft ist. Zu gross ist die Angst, ein Medienschaffender könnte sich einschleichen und über die verheerenden Zustände berichten.
Höchste Zeit also, dass jemand reinlicher das Abfalldepartement der Stadt übernimmt. Sehr gut geeignet wären da einige meiner Nachbarinnen, die mit ihrem Putzeifer selbst meinen genetischen Schweizer Sauberkeitsfimmel übertreffen. So werde ich morgens vom Geräusch des Besens geweckt und werde nachts damit in den Schlaf gewischt. Da die Wischmädchen öfters zu Hause sind als ich, komme ich erst gar nicht dazu, meinen Vorplatz zu wischen, weil dieser während des Tages von der Nachbarin links und jener rechts gleich mitgewischt wird.
Auch nach jedem Regenguss wird gewischt. Meistens werde ich durch das allgemeine Wischgeräusch darauf aufmerksam gemacht, dass der Regen nachgelassen hat. Doch auch ohne Regen wird mindestens einmal täglich nass aufgewischt. Auf der Strasse läuft man deshalb Gefahr, von einem eifrigen Ladeninhaber abgespritzt zu werden, weil er gerade den Eingang staubfrei waschen will.
So sind Mexikaner geradezu vorbildlich im Ausfegen. Bleibt zu hoffen, dass sie dies eines Tages auch mit der Politik tun können.






10 pesos le cuesta

Zweifelsohne ist die Metro in Mexico City besser als jedes andere Verkehrsmittel. Keine Verkehrslichter, keine Staus oder Absperrungen behindern ihre Fahrt. Wählt man die Metro, um ans andere Ende der Stadt zu kommen, so wird die 20 Millionen-Stadt mit 40 Minuten derart rasch durchquert, dass man sich im 7ni Tram nach Stettbach wähnt.
Mit zweiminütiger Frequenz treffen die Züge ein, öffnen für 30 Sekunden ihre Türen, um die Fahrt schnellstmöglichst wieder aufzunehmen. Das Tempo wird derart beschleunigt, dass man regelmässig über die ganze Sitzbank rutscht, bis man sich mit den anderen Passagieren am Ende der Bank auf einem Haufen wieder findet.
Doch die Metro ist nicht blosses Transportmittel, denn. einfallsreiche Arbeitslose haben die U-Bahn als kaufkräftigen Marktplatz entdeckt und preisen in Massen ihre Waren an. Am verbreitetsten sind selbstgebrannte CDs, auf denen jeweils Musik zu einem Thema zusammengestellt ist. Eine Kostprobe der angepriesenen Soundträgern dröhnt aus gewöhnlich viel zu laut aufgedrehten Lautsprechern, welcher der Händler mit sich trägt.
Daneben wird von Süssigkeiten über Taschentücher bis zu spirituellen Lebensratgebern alles angeboten, was in eine Handtasche passt. Kaum ist ein Händler mit Halspastillen an einem vorbeigezogen, folgt der nächste mit Kugelschreibern. Für jeden Geschmak ist etwas dabei, man muss nur zugreifen und somit präsentiert sich jeder Metrozug als gewaltige, 30 Meter lange Sushi-Bar.
Ich selber, immer bemüht, mich an die mexikanische Lebensweise anzupassen, reihe mich selbstverständlich mit ein in die kaufkräftige Kundenschaar der Metrohändler. Den Piraten-CDs traue ich nicht richtig; erst vor ein paar Tagen hatte ich eine gebrannte Dokumentations-DVD über Mexiko erstanden, die dann aber nicht abgespielt werden konnte. Bei Frauenmagazinen hatte ich auch einst zugegriffen, bis ich merkte, dass es sich um die Ausgabe vom vergangenen Monat handelte. Seither beschränke ich mich darauf, Taschentücher im Dreierpack zu erstehen. Entscheidet man sich, etwas zu kaufen, so muss man schnell handeln. Nur Sekunden verweilen sie auf der selben Stelle, oft nur solange, bis sie ihr Produkt feilgeboten und den Preis ausgerufen haben: „10 Pesos kostets, 10 Pesos, Herrschaften“. Seltsamerweise kosten die meisten Waren 10 Pesos, was ungefähr dem Betrag gleichkommt, welcher der metroreisende Mexikaner in der Jackentasche mitträgt. Und dort sollte man das Geld auch herauskramen, denn bis man das Portemonnaie aus der Tasche gegraben hat, ist der Händler bereits im übernächsten Wagen. Wechseln ist auch keine Stärke der Metroverkäufer. Hat man das Münz nicht korrekt, so ist der Deal geplatzt.
Und so wird jede Fahrt in der Metro zum kribbelnden Erlebnis. Hätte man beim Einsteigen gedacht, dass man mit dem spanischen Heidi-Film wieder aussteigt?
















Familienbande
In unseren Kindertagen bescherte es uns Stunden des Grübelns: das Geheimnis, wie Mary Poppins den zwei Meter hohen Kleiderständer aus der kleinen Tasche zaubern konnte.

Ähnlich verblüfft war ich, als ich bei meiner Freundin Ana zum Brunch eingeladen war. Kamen dort doch derart viele Leute verschlafen aus den oberen Stockwerken, dass ich mich fragte, ob sie wohl im Schichtbetrieb geruht hatten. In einer unachtsamen Minute hatte mir die kleine Nichte meinen Saft ausgetrunken und mehrere Verwandte bedienten sich ungefragt an unserem Kuchen. Die Kinder spielten Fangen um den Tisch herum und der Vater belehrte mich über dem Essen über die historische Entwicklung der mexikanischen Politik. Ich musste an die Ausnahmesituationen bei mir zu Hause denken, wenn lediglich meine Grosseltern bei uns übernachteten.
Ich wuchs in einem Haus auf, dass für eine Familie mit einem Kind konstruiert war. Der Architekt hätte hierzulande wohl kaum Anstellungschancen. Nicht nur, dass die Einkindfamilie hierzulande wohl so selten ist wie natürliches Blond; wohnen doch mindestens noch die vorherige und die nachfolgende Generation unter demselben Dach. Dementsprechend muss der Wohnraum geschickt unterteilt sein, denn volumenmässig unterscheidet sich das mexikanische Multigenerationenheim kaum vom Dreinasenhaus meiner Kindheit.
Acht Personen unter einem Dach und alle lebten in friedlicher Koexistenz. Die Eltern respektierten ihre erwachsenen Kinder, sorgten sich um die Enkelkinder und für die Unterhaltung hatten die Grosseltern stets die passende Geschichte aus ihrer Jugendzeit parat. Ausser den Familienmitgliedern gingen täglich natürlich ein Haufen zusätzlicher Leute ein und aus. Onkel, Schwägerinnen, Schulfreunde und bereits Ausgezogene werden im Mexikanischen Haushalt zu jeder Uhrzeit gerne empfangen und nach Möglichkeit sogleich verköstigt. Ein idyllisches Bild, dass die warmherzigen Mexikaner Realität werden liessen.

Mein romantisches Bild sollte nicht lange wahren; äusserten sich doch die Frühstücksgäste, dass sie von der europäischen Tradition gehört hatten, man würde drüben mitte Zwanzig ausziehen. Ich wollte schon meine Heimatkultur verteitigen, als mir in verzweifelter Sehnsucht die ideale Wohnsituation entgegengeschnellt wurde: Im Chor schwärmten sie mir von einem unabhängigen Leben vor, was ihnen jedoch fast verunmöglicht wurde, würde ein Auszug aus dem Elternhaus nämlich auf totales Unverständnis Seitens der Familie stossen, ja ein regelrechtes Familiendrama auslösen. Die Mutter hätte versagt, die Grossmutter hätte keinen Zuhörer mehr und die Enkel keinen Spielkamaraden. Die einzige Möglichkeit, der Familienkommune zu entrinnen sei es, in eine andere Stadt zu ziehen.
Eine andere Stadt. Oder gar ein anderes Land? Eins ist gewiss. Auch dort ist man vom Einfluss der Familie nicht verschont – sei es als Mexikaner oder als Schweizer.
Provecho!

“Flurina, du hältst deine Tortilla verkehrt rum.“ Ich wurde stutzig. Wollten die Kollegen mich wieder mal hochnehmen? Wie konnte ich diesen Kreis verkehrt halten? „Du hältst die falsche Seite nach oben“, erklärten sie mir. Ich war immer noch nicht sicher, ob ich das Ganze Ernst nehmen sollte. „Ihr wollt mir also sagen, dass eine Tortilla zwei verschiendene Seiten hat?“
Mexiko und Essen kann man nicht trennen. Den Mexikaner verbindet eine aufrichtige Liebe zu seinen Tortillagerichten, seinen Eintöpfen, seinen Frühstückspatten und unzähligen Chilesorten.
Die Tortilla stellt die Drehscheibe im mexikanischen Mahl dar. Ist sie nicht bereits integrierter Teil des Gerichts, so wird sie separat serviert – frisch geröstet versteht sich. Man zerkleinert infolge die Nahrungsmittel auf seinem Teller, verteilt sie auf der Tortilla, tröpfelt Salsa darüber und rollt das Ganze gekonnt zum essfertigem Paket. Die Herausforderung besteht im Verschlingen seiner Tortillarolle ohne zu viel Füllung hinauszukleckern zu lassen. Gebürtige Mexikaner lernen dies in ihren Kindertagen, während eingewanderte Schweizerinnen diese Kunst nur durch viel Disziplin und tägliche Übung erlangen.
Suppe darf bei keinem Mahl fehlen, was wohl erklärt, weshalb die Mexikaner so viele Ausdrücke für Suppe kennen. Auch in den 40 Grad warmen Tropen bekam ich damals heisse Suppe serviert. Meine Schweissdrüsen haben sich heute noch nicht davon erhohlt. Dagegen fehlt Salat gänzlich im klassischen mexikanischen Dreigänger. Überhaupt halten die Mexikaner nicht viel von Gemüse auf ihrer Tafel. Bohnen heisst die Antwort auf den Wunsch nach pflanzlicher Nahrung; gedünstet oder als Mus gehören sie zur täglichen Kost und sind wohl für den gesunden Toillettengang ihrer Konsumenten verantwortlich.
Reis als zweite Vorspeise habe ich nach dem zweiten Mal abgeklemmt. Allen Anpassungsbemühungen zum Trotz, ich kann mich nicht täglich mit Reis vollstopfen. Wenn schon das Gemüse fehlt, muss man sich durch gewissen Verzicht Fit halten.
Die Hauptspeise präsentiert sich – nebst Bohnen – aus Fleisch und dem eigentlichen Hauptakteur: der Sauce. Aus langweiligen Hühnerfonds zaubern mexikanische Köchinnen dank Chile und Kräutern die köstlichsten Tunken. Die Königin der Saucen ist jedoch die rote Mole. Weshalb man sie „rote“ nennt, obwohl sie pechschwarz daherkommt, konnte mir bisher noch niemand entlüften. Mole, das ist mehr als nur dickflüssige Beilage, Mole, das ist ein Gedicht. In stundenlanger Prozedur wird aus Schokolade, gerösteten Nüssen, Chile und unzähligen weiteren Zutaten eine scharfsüsse Köstlichkeit kreiert, die auch den skeptischen Koster im Sturm erobern wird. Mole kann ich hiermit jedem empfehlen, der möglichst schnell über seinen Liebesschmerz hinwegkommen will.

Das Ergebnis meiner Tortillauntersuchung kann ich hier übrigens nicht verraten. Sollte das Mysterium doch durch jeden selber entlüftet werden.

Samstag, 9. Februar 2008

brazos de galleta

Victor: Ey, du hast da lauter braune Punkte auf deinen Armen!
Flurina: Was??!!??
Victor: Da! alles voller Punkte!
Flurina: Du meinst, meine Märzefläckli?
Victor: Die ganzen Arme sind übersät...
Flurina: Das findest du so ungewöhnlich...?
Victor: Wie Schoggistückli sehen die aus!
Flurina: ....
Victor: Schoggistückli in einem Guetzli - du hast GUETZLI-ARME!!!
Flurina: Ach komm, Märzenfleckli hat jeder!
Victor: Ich nicht! sieh nur!
Flurina: Bei dir sieht man sie einfach nicht!
Victor: Hey, habt ihr gesehen? Flurina hat Guetzli-Arme!
Flurina: solange du nicht reinbeisst, darfst du mir alle Übernamen geben...

Samstag, 2. Februar 2008

Schnaagi – Town

Text für "Sihltaler", Jan 08

Mexico ist stressfreie Zone. Man eilt nicht durch das Leben wie die Europäer, von denen viele verfrüht mit Herzanfall in der Notaufnahme landen. Man geniesst den Augenblick, man macht das beste aus seinem Arbeitstag mit eingebauten Päuseli, man dehnt den Gang zum Laden an der Ecke aus mittels ausführlichem Schwatz mit dem Kassierer.
Das wichtigste Element des stressfreien mexikanischen Lebens aber ist die Kunst des Schlenderns. Mit zeitlupenähnlichem Schritt spaziert man seine Strecken ab, während der Sinn nicht im Erreichen des Ziels besteht, sondern im eigentlichen Beschreiten des Weges. Gemächlich setzt man einen Fuss vor den anderen, hakt beim Freund zu seiner Rechten ein, während man mit der Freundin zur Linken über die Schaufenstergestaltung diskutiert, an denen man gerade vorbeizieht. Man hält inne, betrachtet die Taschenauslage des ambulanten Händlers genauer oder erkennt in der Saftverkäuferin seine Nachbarin, mit der man natürlich unmittelbar ein paar Worte wechseln muss.
Diese Art der Fortbewegung verbindet alle zu einer glücklichen Familie von Schlendern, welche jeden einzelnen Schritt bewusst wahrnimmt und die sich nicht vom Tempofieber der nördlichen Welt irritieren lässt.
Aber was ist das? Da eilt jemand rasenden Schrittes über die schiefstehenden Trottoirplatten. Sie überholt Mütter mit Kindern an der Hand, zwängt sich zwischen am Strassenrand pausierende Busschauffeure durch, macht einen vorsichtigen Bogen um die am Stock gehende Rentnerin und wird schliesslich hinter dem Arm in Arm gehenden Teenagerpaar zum aprupten Stop gezwungen, wobei die Reaktionszeit gerade nochmals kurz genug war, um nicht in die Liebenden hineinzuprasseln. Sie scheint nervös, sucht eine Überhohlspur, doch vergeblich. Auf der einen Seite die sich aneinanderreihenden Essensstände, auf der anderen die neugierigen Menschentrauben vor dahinterliegenden Geschäften. Es bleibt ihr nichts übrig: sie muss den Schlendergang der Vorgehenden mitmachen. Dann endlich. Kurz vor dem Eingang in die Metrostation weitet sich der Weg. Unsere eilige Person nützt die Gelegenheit blitzschnell und kramt noch auf der Treppe ihr Ticket aus der Manteltasche. Doch noch bevor sie dieses entwerten kann, wird sie schon wieder des Fortsetztens gehindert. Eine dickes Hinterteil schwenkt sich gemütlich vor ihr her und schiebt sich zum selben Durchgang, durch den auch unsere Geschwinde wollte. Ungeduldig rennt sie schliesslich zum nächsten freien Ticketentwerter.
Doch ihr Leidensweg ist damit noch lange nicht beendet. Bei der Bergstation der Rolltreppe wird sie beihnahe eingesogen, weil die beiden Herren vor ihr nur zögerlich der Rolltreppe entsteigen. Die härteste Probe steht aber erst jetzt bevor: Sie muss es schaffen, hinter den im Schneckentempo die Metro besteigenden Passagieren in den Wagen zu gelangen, ohne von der sich schliessenden Türe eingeklemmt zu werden.
Und so schlendert die mexikanische Familie, tagein, tagaus ihres Weges. Und lässt sich auch durch das adoptierte schweizer Mitglied, das sich hartnäckig der Anpassung verweigert, nicht aus der Ruhe bringen.

Tabasco: Die Rückkehr


Alles geschieht spontan in meinem Büro. Dass ich ans nationale Treffen unseres Gewaltpräventionstreffen nach Tabasco mitsollte, erfuhr ich zwei Tage vor der Abreise. Einen Tag vor der Abreise, als wir die letzten Vorbereitungen erledigen wollten (wenn schon ein Tagesablauf existierte, wollte ich ihn auf jeden Fall ausdrucken), war in ganz Mexico City Stromausfall. Und für all jede, die in der Zeitung gelesen haben, dass der Blackout mehrere Stunden dauerte: dieser Untertreiber hatte keine Ahnung! 24 Stunden lagen wir auf dem Trockenen! Kein Computer (=Kein Tagesablauf), keinen frischen Kaffee und das Schlimmste: kein Kabelfernsehen!!

Aber von unserer Reise sollte uns das nicht abhalten. Wir landeten in Villahermosa inmitten einer Landschaft riesiger Pfützen - die Überbleibsel der Fluten vom November. Als wir in Comalcalco ankamen, wurde uns sogleich das Frühstück aufgetischt: Eier und Bohnenmus. Ob ich das Bohnenmus überhaupt noch sehen kann? Ich LIEBE es!! Zurück in Europa werde ich mir wohl meine täglichen frijoles refritos selber mixen müssen...
Nur mit Not brachte ich es fertig, dass die lieben Kollegen für dieses historische Föteli posierten! Für ein zweites Foto hatten sie keine Geduld. Und das wollen Mexikaner sein! Jeder unserer 3 Gruppen brachte eine Hampfel Junge mit, die an unserer Workshops teilnahmen. Anstatt mit Bussen wurden sie mit dem in Tabasco üblichen Pick up transportiert. Ich wollte mir die Busse, die man in der Schweiz dafür kassieren würde, gar nicht erst ausrechnen...


Die chicas aus Chiapas kamen in der ortsüblichen Sonntagstracht am Tag, als allgemeiner Kulturaustausch auf dem Programm stand. Ebenfalls dafür in Schale geworfen hatten sich die Kids aus Oaxaca. Spontan, wie sie eben sind, sagten mir Tajin und Hector am Mittagstisch, dass ich ebenfalls eine Präsentation zum Kulturaustausch machen soll.
Beachte man die Tabastecos, die stundenlang mit dem Kochen einheimischer Menus verbracht hatten und die Chipatecos und Oaxaceños, die Ihre Trachten über hunderte Kilometer hergebracht hatten, fühlte ich mich gar nicht vera....t, dass ich in den nächsten Stunden eine Schweizer Kulturaustausch-Show auf die Beine stellen sollte.

Ich studierte kurz und transformierte den Teenager aus Oaxaca in Willhelm Tell und diesen Kleinen aus Tabasco in Walterli. Pfeile bastelte ich aus dem Tagesplan, weil ich kein anderes Material dafür fand und für den Apfel musste eine bereits etwas vertschutete Orange herhalten. Und so konnte ich unseren schweizer Ruf in Comalcalco gerade nochmals retten.

Hortensias Hochzeit

Natürlich war ich die erste, die ihr Hotel in Cholula reserviert hatte. Obwohl ich meine Hotelwahl meinen Kollegen mitteilte, fanden wir uns zuletzt alle in einer anderen Unterkunft wieder. Héctor und Claudia buchten im luxuriösen Club Med, wo die Feier stattfand, um klein Itziar jederzeit schlafen legen zu können. Sulemi konnte sich nicht entscheiden und buchte ihre Bleibe zwei mal um. Victor buchte in letzter Minute und hatte vergessen, in welchen Hotels wir anderen reserviert hatten. Und Tajin kam aus Guadalajara und sprach sich erst gar nicht mit uns ab.
Ein Wunder, dass wir es alle zur Kirche schafften. Nun ja, fast alle. Victor hatte natürlich verschafen und fand, als er endlich in Cholula entraf, den Club Med nicht. Immerhin kam er zur zweiten Vorspeise zur Feier...




Mein letzter Haarschnitt war derart mies ausgefallen, dass ich zum Zeitpunkt der Hochzeit die Haare hochstecken konnte (und musste, ich hätte ohne die Frisur wie David Hasselhoff in den Achzigern ausgesehen!



Hortensia und Toño hatten sich während einer kirchlichen Charity Arbeit kennen gelernt. Toño wollte eigentlich Priester werden. Zum Glück kam Hortensia in die Quere.

In mein Kleid waren doch tatsächlich Brustpolster eingenäht. Also irgendwann sollte die Modeindustrie wirklich damit aufhören zu denken, dass JEDE Frau einen grösseren Vorbau will als ihr die Natur verpasst hat. Ich hätte die Polster nicht herausschneiden können, ohne das Kleid zu ruinieren, also ging ich eben gut ausgestattet zur Feier. Auch gut. Damit scheint mein Bauch flacher.

Dienstag, 8. Januar 2008

Gringolandia

Ich brauchte schon eine gute Erklärung für meinen US-Besuch über Weihnachten. Weshalb in aller Welt reist jemand nach Gringolandia?? Zum Glück war mein Grund einleuchtend: Besuch bei Argentiniern, die im Mexikaner-Viertel in LA wohnen... Nein, obiges Foto ist nicht ihr Haus. Das gehört einem Hardcore-Gringo... Genau hinschauen: im Hintergrund keine Samichläuse, sondern Adam-Statuen (!)
Fighting Christmas: Natürlich feierten wir im grossen argentinischen Kreise, doch die Kinder hatten zum Glück amerikanisches Spielzeug...
Von Mexico bin ich zwar schon einiges von gefährlichem Strasseüberqueren gewohnt, aber es ist trotzdem nett, dass man in LA dafür eine Anweissung bekommt!

Draufgehauen!

2 Wochen vor Weihnachten finden überall die Posada-Essen statt, welche damit enden, dass man die Piñata zerschlägt, aus der dann viele Leckerli fallen. So eine Art Samichlaus zum verhauen.
Gibt es in Mexico auch Weihnachten? Wurde ich von vielen gefragt. Ja, meine lieben! Ist die katholische Kirche doch einer der Hauptimporte der spanischen Eroberer!
Ich kann nicht sicher sagen, ob die Indios Weihnachten ebenfalls feiern, aber ich könnte fast darauf wetten, da sich ihre Naturreligionen mit der Zeit mit dem Katholizismus vermischt hat.

Schade, dass das Piñata-verhauen Kindersache ist. Hätte ich doch gerne auch mitgemacht... Statt dessen feuern die Zuschauer den Hauenden kräftig an mit einem Liedli, dessen Text ich nicht mehr vollständig hergeben kann:

... Ya te toca uno! Ya te tocan dos! Ya te tocan tres y tu tiempo se acabó!

Von unserem Liedli wurden weitere Kinder von draussen angezogen, welche wir umgehend ebenfalls zur Piñata einluden!



Alle von uns brachten ein Bestandteil des Essens mit. Mir wurden zuerst die Getränke aufgetragen. Dann wurde die Liste jedoch revidiert und Dessert hingeschrieben. "Wir wollen dein Schoggimousse!!!"